Orlando Figes: Die Tragödie eines Volkes - Leseprobe
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Leseprobe 1
Die Rudnews, eine mittelgroße Landbesitzfamilie in der Provinz Simbirsk, waren ein typisches Beispiel. Sie hatten beschlossen, auf ihrem Familiengut zu bleiben, weil sie meinten, wie Semjon Rudnew sagte, "die revolutionären Unruhen würden auf dem Land weniger heftig sein als in den Städten und die wirtschaftlichen Bedingungen des Dorfes mit seiner fast ausschließlichen Naturalwirtschaft besser". Ihr Dorf blieb vom Aufruhr von 1917 weitgehend verschont. Die Rudnews verbrachten den Sommer und den Herbst in gewohnter Muße: "Die Männer tranken und gingen auf die Jagd, Gäste aus Simbirsk kamen uns besuchen, und wir fuhren zum Picknick und zum Pilzesammeln nach Naschim und zum Milchhof." Im drauffolgenden Winter entsprachen sie der Forderung der benachbarten Dorfgemeinde, ihr Land und Eigentum auf die Bauern zu übertragen. Sie behielten nur ein kleines Landstück von 20 Desjatinen (etwa 22 Hektar) in der Nähe ihres Gutshauses, in dem sie weiterhin wohnten. Das Vieh und die Geräte wurden zu Sonderpreisen versteigert, obwohl die meisten Bauern sich nicht einmal das Futter für ihre neuen reinrassigen Pferde leisten konnten und diese immer wieder um Heu zu ihren alten Besitzern zurückliefen. Die Bauern arbeiteten im Frühjahr auf den Rudnew-Feldern und wurden in Wodka und Fruchtlikör bezahlt. Die Ernte war größer als die der Bauern, und so befahl die Gemeinde den Rudnews, ihren Getreideüberschuß zu Festpreisen an die Dorfarmen zu verkaufen. Doch kurz bevor die Ernte eingebracht werden konnte, wurde das Gutshaus von einer örtlichen Abordnung der Roten Garden überfallen und geplündert, und die Rudnews wurden zur Flucht gezwungen.
Leseprobe 2
Während sich das Russische Reich am Rande des Zusammenbruchs bewegte, reagierte das zaristische Regime mit seiner üblichen Inkompetenz und Halsstarrigkeit auf die Krise. Witte nannte es eine "Mischung von Feigheit, Blindheit und Dummheit". Das Grundproblem war, das Nikolai vor dem Ernst der Lage die Augen verschloss. Während das Land immer tiefer im Chaos versank, füllte er weiter sein Tagebuch mit knappen und trivialen Notizen über das Wetter, die Gesellschaft bei Tee und die Anzahl Vögel, die er an dem betreffenden Tag geschossen hatte. Seine Berater überzeugten ihn, dass ausländische Agenten für die Demonstration am Blutsonntag verantwortlich gewesen seien, und dementsprechend füllte er die Gefängnisse mit den passenden politisch Verdächtigen. Eine sorgfältig ausgewählte Delegation von "verlässlichen" Arbeitern wurde nach Zarskoje Selo bestellt, wo sie wie Kinder in einer Reihe aufgestellt wurden, um eine kurze Ansprache des Zaren anzuhören, in der er sie beschuldigte, sie hätten sich von "ausländischen Revolutionären" täuschen lassen, dann aber versprach, "ihnen ihre Sünden zu vergeben", weil er an ihre "unerschütterliche Ergebenheit" ihm gegenüber glaubte. Inzwischen wurde der liberale Mirski als Innenminister durch den anständigen, aber gefügigen A.G. Bulygin ersetzt. Er handelte praktisch nur auf Anweisung seines eigenen Stellvertreters und Polizeichefs, D. F. Trepow, des strengen Zuchtmeisters der Reitergarde, den Nolokai wegen seiner offenen, soldatischen Haltung mochte und deshalb zu einer einflussreichen Kraft bei Hofe hatte werden lassen. Als Bulygin erwähnte, dass vielleicht politische Konzessionen notwendig seien, um das Land zu beruhigen, war Nikolai überrascht und sagte dem Minister: "Man könnte meinen, Sie fürchteten, es werde eine Revolution geben." - "Ew. Majestät", kam die Antwort, "die Revolution hat bereits begonnen."
Leseprobe 3
Russlands kaiserliche Bürokratie war eine Elitekaste, die über dem Rest der Gesellschaft stand, in diesem Sinne der kommunistischen Bürokratie, die auf sie folgen sollte, nicht unähnlich. Das zaristische System beruhte auf einer strengen sozialen Hierarchie. An ihrer Spitze stand der Hof; die tragenden Säulen darunter in Beamtenschaft, Militär und Kirche kamen aus den beiden obersten Klassen; am unteren Ende der Gesellschaftsordnung befanden sich die Bauern. Es bestand ein enger Zusammenhang zwischen der Autokratie und dieser starren Pyramide von gesellschaftlichen Klassen (Adel, Geistlichkeit, Kaufmannschaft und Bauern), die entsprechend ihrem Dienst am Staat durch spezifische Rechte und Pflichten definiert war. Nikolai verglich sie mit dem Patrimonialsystem. "Ich betrachte Russland als einen Landbesitz, dessen Eigentümer der Zar, dessen Verwalter der Adel und dessen Arbeiter der Bauern ist", erklärte er 1902. Er hätte keine archaischere Metapher für die Gesellschaft an der Schwelle zum 20. Jahrhundert wählen können.
Leseprobe 4
Wenige Persönlichkeiten der russischen Geschichte sind so umstritten wie Pjotr Arkadjewitsch Stolypin (1862-1911), Russlands Premierminister von 1906 bis zu seiner Ermordung fünf Jahre später. ...Seine Geschichte ähnelt sich in vieler Hinsicht der von Michail Gorbatschow. Beide waren mutige, intelligente und zielstrebige Staatsmänner, die sich ganz der liberalen Reform eines alten und zerfallenen autoritären Systems verschrieben haben, dessen Produkt sie selbst waren. Beide wandelten auf einem schmalen Grat zwischen den mächtigen Interessen der alten herrschenden Eliten und der radikalen Opposition der Demokraten. Auf unterschiedliche Weise waren sie blind dafür, dass die beiden gegnerischen Parteien es auf einen Kollisionskurs abgesehen hatten und dass der Versuch, zwischen ihnen zu vermitteln, ihnen nur Feinde in beiden Lagern schaffen und wenig Freunde bringen könnte. … Sie versuchten, ihre Reformen bürokratisch von oben durchzusetzen, ohne sich um eine breite Basis dafür zu kümmern - und das ist mehr als alles andere der Schlüssel zu ihrem politischen Scheitern.


