Wladimir Fedorowski: Der Kreml - Leseprobe
Leseprobe 1
"Iwan der Schreckliche hat viel von den Mongolen gelernt, die
Russland mehr als anderthalb Jahrhunderte lang beherrscht und dazu beigetragen hatten, einen Staat nach asiatischem Vorbild aufzubauen. Die Russen, die sich vom Yam der Mongolen hatten anregen lassen, richteten als erste in Europa eine "Staatspolizei" ein. Die mehrere tausend Mann starke Leibgarde des Zaren erwies sich bald als Instrument des furchtbarsten Terrors, das über Leben und Tod eines jeden entschied. So wurde sozusagen die "Geheimpolizei des Kreml" ins Leben gerufen. Auch wenn sie damals noch nicht so hieß, entwickelte Iwan IV. das, was man die "Ideologie" dieser Institution nennen könnte. Seiner Auffassung nach war "die große Angst" die solideste Grundlage des Staatsmacht, und nur wenn man Schrecken verbreitete, sei es möglich, versprengte Völker um sich zu sammeln."
Leseprobe 2
"...Die angewandte Taktik war so erfolgreich, dass es den fünf sowjetischen Agenten aus Cambridge innerhalb kürzester Zeit gelang, sich ins Foreign Office oder in den britischen Geheimdienst einzuschleusen. Sie lieferten eine solche Flut von Informationen, dass der Kreml Mühe hatte, sie auszuwerten.
Das Geheimnis dieses beispiellosen Erfolges beruht darin, dass ihr Werber die Eigenschaften vorzuweisen hatte, die "Die fünf aus Cambridge" von ihrem Führungsoffizier erwarteten. Seine große Lebenserfahrung, seine Aura, sein Hochschulstudium, sein Scharfsinn und seine unerschütterliche Gesinnung machten aus ihm einen außergewöhnlichen Mann. Aber Deutsch war auch ein Profi in Sachen Spionage, und seinem bohrenden Blick entging nicht das kleinste Detail. Oft täuschte er vor, einen Ort zu verlassen, um sich zu vergewissern, dass sein Wagen nicht verfolgt wurde, und kehrte dann mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück, wobei er mehrmals die Route änderte. Wie ein vorzeitiger James Bond versteckte er die Mikrofilme von Geheimdokumenten in Haarbürsten, Reisenecessaires oder Haushaltsgeräten. Die meisten Berichte, die für den Kreml bestimmt waren, schrieb er mit unsichtbarer Tinte.
Aber außer diesen technischen Details spielte die Psychologie eine ausschlaggebende Rolle für seinen Erfolg. Er wusste ganz genau, dass für "Die fünf aus Cambridge" Sexualität so wichtig war wie jede politische Analyse. Als leidenschaftliche Rebellen machten sie keinen Hehl daraus, dass sie sich über die strenge viktorianische Moral hinwegsetzten. ..."
Leseprobe 3
Wladimir Putin ist mir oft wie ein Mann mit mehreren Gesichtern vorgekommen, die sich hinter verschiedenen Masken verbergen. Sein manchmal leerer, dann wieder lebhafter Blick, sein Stirnrunzeln, sogar sein unwillkürliches Zucken der Lippen verraten einen eisernen Willen, bestärken aber den Eindruck, dass man ihn nicht fassen kann. Als erprobter KGB-Offizier hat er offensichtlich gelernt, verschiedene Rollen zu meistern.
Es gibt mindestens fünf verschiedene Putins. Der erste ist der vom Geheimdienst ausgebildete und geprägte Mann, der zunächst in der Spionageabwehr und dann in der Auslandsaufklärung tätig war: ein perfektes KGB-Produkt. Der zweite ist der kompetente persönliche Referent des demokratischen Vorsitzenden des Leningrader Stadtsowjets Anatoli Sobtschak. Dann gibt es den hohen KGB-Funktionär, den Vorsitzenden des Sicherheitsrates (FSB), der zum Schutz Jelzins und seiner Familie auserkoren wurde.
Der vierte Putin ist der amtierende Premierminister des Tschetschenienkriegs, ein unbequemer Mann, der im August 1999 in der Untergangsstimmung der Sowjetunion an die Macht kam und einen schrecklichen Krieg gegen eine kleine, separatistische, kaukasische Republik führte, ein gewandter Taktierer, der geschickt die politischen Clans ausgenutzt und sich im Dezember 1999 unerwartet als Nachfolger von "Zar" Boris durchgesetzt hat.
Und schließlich gibt es den fünften Putin, der für uns heute relevant ist: den Kremlchef, der sich hohen Herausforderungen zum Wohle Russlands im 21. Jahrhundert stellt. ..."


