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Boris Akunin: Die Bibliothek des Zaren - Leseprobe

mehr über das Buch und den Autor

"... Was am meisten an dem Verhältnis fasziniert, das den Magister der Geschichte mit Russland verband, ist, dass es absolut platonisch war - der ritterliche Minnedienst an der Herzensdame schließt ja ebenfalls die körperliche Nähe aus. Solange Nicholas Student und Doktorand war, wirkte seine Distanz zum "Reich des Bösen" gar nicht so befremdlich. Damals, in der Zeit des Krieges mit Afghanistan, des abgeschossenen koreanischen Linienflugzeuges und des in Ungnade gefallenen Erfinders der Wasserstoffbombe, Sacharow, konnten viele Slawisten bei ihren Forschungsprojekten nur auf Bücher und auf die Archiven von Emigranten zurückgreifen. Aber dann begann der böse Zauber, der die eurasische Macht gefangen hielt, allmählich zu weichen. Das sozialistische Reich geriet ins Schlingern und brach mit toller Geschwindigkeit entzwei. In wenigen Jahren schaffte es Russland, in Mode zu kommen und flugs wider unmodern zu werden. Eine Reise nach Moskau galt nicht mehr als Abenteuer, und der eine oder andere ernsthafte Wissenschaftler legte sich sogar eine eigene Wohnung am Kutuzow-Prospekt oder im Südwesten der Stadt zu; nur Nicholas hielt nach wie vor sein Gelübde, dem früheren Russland treu zu bleiben, und beobachtete das neue, sich so schnell verändernde und wer weiß wohin driftende Russland abwartend aus der Distanz...."

"... Im Unterschied zu seinem Vater, der Nachrichten aus Moskau demonstrativ nicht zur Kenntnis nahm und noch immer "Aeroplan" und "Salaire" statt "Flugzeug" und "Gehalt" sagte, bemühte sich Fandorin junior up to date zu sein, verfolgte alle Nachrichten aus Russland, suchte die Bekanntschaft mit Russen, die sich vorübergehend im Ausland aufhielten, und notierte sich seitenweise neue Wörter und Ausdrücke in ein eigens dafür angelegtes Vokabelheft: wie man eine Zitrone maust = wie man eine Million stiehlt ("mausen", vgl. englisch: to rat). "Zitrone": semantischer Ersatz für das Wort "Limone", das hier homonym für das Wort "Million" steht, usw. Nicholas liebte es, vor irgendeiner russischen Touristin mit seiner makellosen Moskauer Aussprache und der Kenntnis der neuesten Aussprüche zu prahlen. Der perfekt einstudierte Trick verfehlte seinen Eindruck auf die russische Damenwelt nie: ein zwei Meter langer Londoner Lulatsch mit ungewohnt höflichen Umgangsformen, einem idiotischen Keepsmiling auf den Lippen und einem makellosen geraden Mittelscheitel, kurz, so ein hundertprozentiger englischer Gentleman, sagt auf einmal: "Liebe Natascha, wollen wir nicht nach Chelsea zwitschern? Da ist jetzt voll der Bär los."..."

"...Aber bevor vom Brieffragment des Hauptmanns von Dorn und dem rätselhaften Päckchen aus Moskau die Rede sein soll, muss noch ein Umstand erklärt werden, der eine wichtige, ja vielleicht die ausschlaggebende Rolle für das Verhältnis und die Handlungsweise des jungen Magisters spielte. Dieser Umstand lässt sich mit dem wenig schmeichelhaften Wort Nedowintschennost bezeichnen, das Nicholas bei einem seiner flüchtigen neurussischen Bekannten aufgeschnappt hatte (Nedowintschennost: Zustand wie bei einer nicht bis zum Anschlag festgedrehten Schraube; gebraucht im Sinne von: unfertig, unreif, unentschieden, wankelmütig, nicht vollwertig zu sein; er ist irgendwie nedowintschenny, das sagt man von einem Menschen, der keine Persönlichkeit ist, der seinen Platz im Leben nicht gefunden hat.) Das Wort war hart, aber treffend. Nicholas hatte sofort verstanden, dass es sich auf ihn bezog, ja, er ist nedowintschenny. Wackelt hin und her in einem Loch, genannt das Leben, dreht sich lediglich um die eigene Achse, greift aber nicht und hält auch nichts fest - wie eine Schraube, die keine ist. Das russische Präfix "ne-do" - "nicht ganz" war überhaupt ein Schlüssel zu Fandorins Wesen. Nie war er etwas ganz, immer fehlte etwas. Nehmen wir zum Beispiel seine Größe. Sechs Feet und sechs Inches, das konnte man nicht gerade eine Untergröße nennen. Nicholas sah auf die meisten Erdenbürger von oben herab. Aber wenn man seine Größe in Meter umrechnete, kam etwas heraus, das symbolisch war: ein Meter neunundneunzig. Wieder fehlte etwas, sonst wären es volle zwei Meter gewesen...."

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