Der unschuldige Mörder

Dieser ironische Krimi von Darja Donzowa hat alles, was einen guten Unterhaltungsroman ausmacht: eine zunehmend spannende Handlung, eine pfiffige Ermittlerin und jede Menge komischer Situationen und Charaktere. Zudem stecken im Buch unendlich viele Details aus dem russischen Alltagsleben. Wer es bereits kennt, wird besonders viel zum Lachen haben. Alle anderen können Russland mit seinen Sitten und Bräuchen ganz nebenbei kennen lernen.

  • Der unschuldige Mörder
  • Der unschuldige Mörder
  • Hobby-Ermittlerin Dascha will die Unschuld ihres Exmanns beweisen, trotzdem alle Indizien gegen ihn sprechen. In der Zeit schlägt der Mörder immer wieder zu. Ausgezeichnet mit dem Russischen Krimipreis.
  • Aktueller Preis und weitere Informationen

Der russische Titel des Romas lautet „Die Frau meines Mannes“ (russ.: „Жена моего мужа“).

Als Dascha Wassiljewa erfährt, dass ihr Exmann Maxim Poljanskij seine siebte Ehefrau umgebracht haben soll, kann sie es nicht glauben. Leider sprechen alle Fakten gegen den erfolgreichen Eierhändler: er hat ein falsches Alibi und wurde am Tatort blutverschmiert gesichtet. Doch Dascha kennt den unverbesserlichen Schürzenjäger sehr gut und ist überzeugt, dass Poljanksij nie einer schlafenden Frau ins Gesicht schießen könnte. Um seine Unschuld zu beweisen, nimmt sie selbst die Ermittlungen auf. Weitere Morde machen den Fall immer verwirrender. Die freche Hobby-Detektivin geht mit unkonventionellen Mitteln vor, schafft es vieles aufzuklären und gerät dabei selbst in Gefahr.

Daschas chaotisches familiäres Leben sorgt für eine Abwechslung von den Ermittlungen und bringt dem Leser die russische Realität nahe.

Locker und humorvoll geschrieben ist „Der unschuldige Mörder“ von Darja Donzowa ein Krimi zum Verschlingen.

Leseprobe aus dem Roman von Darja Donzowa „Der unschuldige Mörder“

Leseprobe 1

… Damals gab es in der Hauptstadt absolut keine Eier mehr zu kaufen. Wenn die Moskauer jemandem ein Geschenk machen wollten, brachten sie ein Ei mit. Zuerst borgte er (Maxim Poljankij) sich von einem Freund ein Auto und fuhr nach Glebowo, ein Dorf mit einer Hühnerfarm, wo er zum Großhandelspreis eintausend Eier erwarb. Am nächsten Tag stellte er sich an einen U-Bahneingang und verkaufte sie innerhalb von zwanzig Minuten. Alles Weitere geschah wie im Märchen. Er kaufte zweitausend, dreitausend, viertausend Stück. Das Geschäft florierte, wenn auch natürlich nicht ohne Widrigkeiten. Ein paar Mal griffen ihn Banditen und Milizionäre an. Aber es zeigte sich, dass Max großes kaufmännisches und diplomatisches Talent besaß. 1995 waren alle Probleme gelöst. Die örtliche Mafia sorgte für Ruhe und erhielt dafür einen ordentlichen Prozentsatz des Erwerbs. Auch die Miliz bekam einen gesalzenen Anteil. Max begann, vor allem Ukrainer und Weißrussen ohne Ausweis als Verkäufer einzustellen. Dann vergrößerte er weiter: Er eröffnete ein Büro und monopolisierte den Markt. Heute was es nicht möglich, ein einziges Ei zu kaufen oder zu verkaufen und Max dabei zu übergehen. Konkurrenten versuchten es mehrere Male, Eier aus Polen in die Hauptstand einzuführen, aber alle Versuche schlugen fehl. Die Mafiosi, die sofort anrückten, zerschlugen die „illegale“ Ware und bedrohten deren Besitzer. Andere riskierten es lieber gar nicht erst.

Von den Händlern und der Unterwelt erhielt Poljankij den Spitznamen „Hahn“.

Bald war er ein gemachter Mann. Er fuhr einen aufgemotzten Jeep, besaß ein Haus vor den Toren der Stadt und ein Handy, trug ein goldenes Kettchen um den Hals und eine teuere Armbanduhr. Zweimal fuhr er zusammen mit seiner Mutter nach Thailand und auf die Bahamas in den Urlaub. Nina Andrejewna behängte sich wieder mit kostbarem Schmuck. In der väterlichen Wohnung wurde eine gigantische Sanierung vorgenommen, die die heruntergekommenen, dunklen Zimmer in funkelnde Säle verwandelte.

Im November 1994 war Max Vorsitzender in der Jury eines Schönheitswettbewerbs, den er großzügig mit seinem „Eier“-Geld unterstützt hatte. Seine Liebe zu den Frauen kannte keine Grenzen, daher bereitete ihm die Betrachtung halbnackter Schönheiten ein enormes Vergnügen.

Als die Siegerin Veronika Medwedjewa aus den Händen des Vorsitzenden ihren Preis erhielt, flüsterte sie ihm zu:

„Ich bete Sie an.“

Poljanskij schmolz dahin. Die Hübsche schaute ihn aus ihren riesigen Augen an und plinkerte unschuldig mit den langen Wimpern. Von nahem sah das Mädchen noch besser aus als auf der Bühne. Natürlich lud Max die „Miss“ ins Restaurant ein. Drei Monate später feierten sie im großen Stile Hochzeit. …

Leseprobe 2

… Die Worobjows wohnten in einem älteren Haus, die Wohnung war Ende der Siebziger gebaut worden. Die Zimmer waren standardmäßig aufgeteilt, die Toilette grenzte also an die Küche. Mann kann sich vorstellen, dass das nicht besonders angenehm ist. Während der eine meinetwegen gerade am Frühstücken ist, ist der andere vielleicht gerade mit genau dem Gegenteil beschäftigt. Noch dazu hatten die Architekten zwischen die Küche und dieses Eckchen ein Fenster gesetzt. Das war ja nun wirklich das Allerletzte!

Ich hatte mich kaum ordentlich hingesetzt, als as klingelte. Semjon trampelte zur Tür.

„Ada?“, hörte ich seine ungläubige Stimme. „Du hast den Zug verpasst!“

Schwere Schritte schlurften zur Küche, dann sagte Ada:

„Warst du etwa froh, allein hier zu sein?“

„Was ist los mit dir?“, regte sich Semjon auf. „Du bist geschminkt wie eine Nutte, und wo hast du dieses idiotische Kleid her?“

„Das wirst du gleich sehen“, versprach sie.

„Nein“, schrie er plötzlich auf, dann war ein dumpfer Knall zu hören, wie wenn man einen Korken aus der Flasche zieht.

Schneller als eine Katze kletterte ich auf das Klobecken und schaute durch das Fenster.

Was ich sah, ließ mich fast in Ohnmacht fallen. …

Leseprobe 3

Ich habe viermal geheiratet, und jedes Mal war es ein Fehlschlag gewesen. Dann beschloss ich, dass ich für das Familienleben nicht geschaffen bin, pfiff darauf und beließ es dabei. Allerdings war es da schon zu spät. Denn die Männer gingen zwar fort, aber ihre Verwandten hatten nicht die geringste Absicht, mich zu verlassen, sie sind mit erhalten geblieben. Mit Kescha hat es angefangen. Er ist eigentlich der Sohn meines ersten Mannes. Seine echte Mutter arbeitete als Archäologin und verschwand für einige Jahre in der Wüste. Kescha lebte bei seinem Vater, bis er drei Jahre alt war, dann wurde er mir zuteil. Manja hat mir meine letzte Ehe eingebracht. Mein vierter Mann hatte nach unserer Scheidung eine Frau mit einem Baby geheiratet. Sie beschlossen, nach Amerika auszuwandern, wollten aber das kleine Mädchen nicht mit sich ins Ungewisse nehmen. So landete Manja vorübergehend bei mir. Etwas ein Jahr später starb ihre Mutter, während mein Ex eine Amerikanerin heiratete. So kommt es, dass ich zu meinem Sohn auch noch eine Tochter bekommen habe. Zwischen diesen beiden Ehen lagen noch zwei, die eine mit Poljanskij, die andere mit Filipp Krassawin.

Rimma Borisowna ist Filipps Mutter, während Gera sein jüngerer Bruder ist. Zu Hause hat er den Spitznamen WU, was so viel heißt, wie „Wandelndes Unglück“. Sie leben in Skalsk in der Nähe von Ischewsk, kommen aber auf jeden Fall einmal im Jahr nach
Moskau. Rimma Borisowna stromert begeistert und selbstvergessen über die Flohmärkte. Gera dagegen soll endlich heiraten. Daher besucht der gute Mann erfolglos Klubs wie „Für alle über dreißig“ und gibt Zeitungsannoncen auf. Die Erwartungen an die Zukünftige nennt er „minimal“: Sie muss aus einer guten Familie und gebildet sein und natürlich eine hervorragende Arbeit haben. Wünschenswert ist auch, dass sie eine Blondine um die Dreißig ist. Natürlich kerngesund, ohne Kinder und ohne hochbetagte Verwandte. Eine gute Wohnung wird vorausgesetzt. Außerdem beharrt Gera nicht auf den west-europäischen Traummaßen von 90 – 60 – 90. Er wäre auch noch mit 92 – 62 – 92 einverstanden. Mir ist ein solches Wunder noch nie begegnet, aber Gera ist da ganz zuversichtlich.

Nachdem ich den Schwiegermüttern ihre Zimmer zugewiesen hatte, ging ich zu mir nach oben und begann, Maxims Notizbuch durchzublättern. Die Seiten waren über und über mit Namen und Telefonnummern voll gekritzelt. …

aus dem Russischen von Judith Elze
Die Leseproben beziehen sich auf die gebundene Ausgabe.

Über die Autorin

Darja Donzowa (echter Name – Agrippina Arkadjewna) wurde am 7. Juli 1952 in Moskau geboren. Sie studierte Journalistik an der Moskauer Lomonosow Universität und arbeitete zehn Jahre lang als Korrespondentin für eine Moskauer Zeitung. Ihre erste Krimigeschichte schrieb sie bereits im Jahr 1984. Mitte der 90er Jahren wurde Darja Donzowa schwer krank und nutzte die Zeit im Krankenhaus, um weitere Krimis zu schreiben.

In Russland gehört Darja Donzowa zu den meistgelesenen Krimiautoren und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Russischen Krimipreis. Einige Bücher wurden in Russland zu Krimiserien verfilmt.

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