Der Kreml – Russland und seine Herrscher

von Wladimir Fedorowski

Der Historiker und Diplomat Wladimir Fedorowski erzählt in seinem Buch die erlebnisreiche Geschichte des Kremls, der seit Jahrhunderten als Machtzentrum Russlands gilt. Von hier aus haben russische Zaren und sowjetische Führer regiert. Und immer mehr setzen die Herrscher im Laufe der Zeit auf die Dienste der Geheimpolizei. Deswegen spielen Spione, Geheimdienstchefs und Agenten des KGB in diesem Buch die Hauptrolle.

Am Anfang erzählt der Autor kurz die Legende des Kremls, berichtet über den Aufstieg Moskaus und entführt die Leser in die grausame und glänzende Zeit des Zaren Iwan des Schrecklichen, der die „Geheimpolizei des Kremls“ ins Leben gerufen hat.

Leseprobe 1

Iwan der Schreckliche hat viel von den Mongolen gelernt, die Russland mehr als anderthalb Jahrhunderte lang beherrscht und dazu beigetragen hatten, einen Staat nach asiatischem Vorbild aufzubauen. Die Russen, die sich vom Yam der Mongolen hatten anregen lassen, richteten als erste in Europa eine „Staatspolizei“ ein. Die mehrere tausend Mann starke Leibgarde des Zaren erwies sich bald als Instrument des furchtbarsten Terrors, das über Leben und Tod eines jeden entschied. So wurde sozusagen die „Geheimpolizei des Kreml“ ins Leben gerufen. Auch wenn sie damals noch nicht so hieß, entwickelte Iwan IV. das, was man die „Ideologie“ dieser Institution nennen könnte. Seiner Auffassung nach war „die große Angst“ die solideste Grundlage des Staatsmacht, und nur wenn man Schrecken verbreitete, sei es möglich, versprengte Völker um sich zu sammeln.

Zar Peter der Große und seine Nachfolger bauten die Polizeiorganisation weiter aus. Doch erst unter den kommunistischen Führern wurde der Geheimdienst zur wichtigsten Stütze der Staatsmacht. Neben unbekannten Details aus dem Privatleben von Lenin und Stalin, berichtet Fedorowski über spannende Einsätze und das Schicksal sowjetischer Meisterspione.

Leseprobe 2

…Die angewandte Taktik war so erfolgreich, dass es den fünf sowjetischen Agenten aus Cambridge innerhalb kürzester Zeit gelang, sich ins Foreign Office oder in den britischen Geheimdienst einzuschleusen. Sie lieferten eine solche Flut von Informationen, dass der Kreml Mühe hatte, sie auszuwerten.
Das Geheimnis dieses beispiellosen Erfolges beruht darin, dass ihr Werber die Eigenschaften vorzuweisen hatte, die „Die fünf aus Cambridge“ von ihrem Führungsoffizier erwarteten. Seine große Lebenserfahrung, seine Aura, sein Hochschulstudium, sein Scharfsinn und seine unerschütterliche Gesinnung machten aus ihm einen außergewöhnlichen Mann. Aber Deutsch war auch ein Profi in Sachen Spionage, und seinem bohrenden Blick entging nicht das kleinste Detail. Oft täuschte er vor, einen Ort zu verlassen, um sich zu vergewissern, dass sein Wagen nicht verfolgt wurde, und kehrte dann mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück, wobei er mehrmals die Route änderte. Wie ein vorzeitiger James Bond versteckte er die Mikrofilme von Geheimdokumenten in Haarbürsten, Reisenecessaires oder Haushaltsgeräten. Die meisten Berichte, die für den Kreml bestimmt waren, schrieb er mit unsichtbarer Tinte.
Aber außer diesen technischen Details spielte die Psychologie eine ausschlaggebende Rolle für seinen Erfolg. Er wusste ganz genau, dass für „Die fünf aus Cambridge“ Sexualität so wichtig war wie jede politische Analyse. Als leidenschaftliche Rebellen machten sie keinen Hehl daraus, dass sie sich über die strenge viktorianische Moral hinwegsetzten. …

Man erfährt auch, dass der mächtige KGB Chef Juri Andropow Michail Gorbatschow zu seiner Karriere verholfen hatte. Und es ist kein Geheimnis, dass Wladimir Putin lange für den KGB tätig war, was in seinem Führungsstil deutlich spürbar ist.

Leseprobe 3

Wladimir Putin ist mir oft wie ein Mann mit mehreren Gesichtern vorgekommen, die sich hinter verschiedenen Masken verbergen. Sein manchmal leerer, dann wieder lebhafter Blick, sein Stirnrunzeln, sogar sein unwillkürliches Zucken der Lippen verraten einen eisernen Willen, bestärken aber den Eindruck, dass man ihn nicht fassen kann. Als erprobter KGB-Offizier hat er offensichtlich gelernt, verschiedene Rollen zu meistern.
Es gibt mindestens fünf verschiedene Putins. Der erste ist der vom Geheimdienst ausgebildete und geprägte Mann, der zunächst in der Spionageabwehr und dann in der Auslandsaufklärung tätig war: ein perfektes KGB-Produkt. Der zweite ist der kompetente persönliche Referent des demokratischen Vorsitzenden des Leningrader Stadtsowjets Anatoli Sobtschak. Dann gibt es den hohen KGB-Funktionär, den Vorsitzenden des Sicherheitsrates (FSB), der zum Schutz Jelzins und seiner Familie auserkoren wurde.
Der vierte Putin ist der amtierende Premierminister des Tschetschenienkriegs, ein unbequemer Mann, der im August 1999 in der Untergangsstimmung der Sowjetunion an die Macht kam und einen schrecklichen Krieg gegen eine kleine, separatistische, kaukasische Republik führte, ein gewandter Taktierer, der geschickt die politischen Clans ausgenutzt und sich im Dezember 1999 unerwartet als Nachfolger von „Zar“ Boris durchgesetzt hat.
Und schließlich gibt es den fünften Putin, der für uns heute relevant ist: den Kremlchef, der sich hohen Herausforderungen zum Wohle Russlands im 21. Jahrhundert stellt. …

Das Buch ist faktenreich, gut recherchiert und einfach geschrieben. Es liest sich wie ein spannender Roman und ist allen zu empfehlen, die hinter die Kulissen der Macht blicken möchten.

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„Der Kreml“ stand monatelang auf internationalen Bestsellerlisten. Für dieses Buch wurde Wladimir Fedorowski mit dem Preis „Bestes Dokument des Jahres“ ausgezeichnet, der vom Zentralverband der Schriftsteller französischer Sprache verliehen wurde.

Die Originalausgabe erschien 2004 unter dem Titel „Le Roman du Kremlin“ bei Editions du Rocher, Monaco.
Aus dem Französischen von Annalisa Viviani.

Über den Autor

Wladimir Fedorowski, geboren 1950 in Moskau, war Diplomat zur Zeit der großen Umwälzungen im Osten. Maßgeblich war er an der Entstehung der demokratischen Reformbewegung als deren Wortführer während des Putsches von 1991 beteiligt. Der promovierte Historiker veröffentlichte Werke zur Diplomatiegeschichte im 20. Jahrhundert, schreibt für diverse internationale Zeitungen und lebt in Moskau.

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